Duschen wie John Travolta – Weil Basti meinte: „Schreib das alles mal auf!“ 18. April 2006

na?dine

In diesem kleinen Beitrag, liebes Publikum, soll es uns heute nicht darum gehen, einen Blick hinter die Kulissen und in die privaten Sanitäranlagen von Stars und Sternchen in den Hollywood Hills zu werfen. Weit gefehlt. Heute möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, aus meinem Alltag berichten – meinem Alltag mit Gipsarm.

Ich hätte es ja nicht gedacht, aber so einiges ändert sich grundlegend, wenn man plötzlich in seiner Bewegungsfreiheit – und sei es auch nur so marginal wie bei einem eingegipsten Handgelenk – eingeschränkt ist. Distale Radiusfraktur lautete die Diagnose. Aha. Medizinisch Versiertere unter uns werden jetzt wissen, wo genau welcher der beiden Knochen des Unterarms gebrochen ist. Ich behaupte, Radiusfraktur ist ein Euphemismus dafür, wie sehr der persönliche Radius, in dem man sich sonst bewegt, herunter gebrochen, sprich eingeschränkt, ist, nur weil man plötzlich partiell eingegipst ist. Radiusfraktur eben.

Es beginnt schon morgens beim Duschen. Erinnern Sie sich an das Titelbild von “Saturday Night Fever”? – Diese Haltung – einen Arm kämpferisch tänzerisch in die Höhe gereckt – ist die einzige Chance, die ich habe, um der Anweisung des Arztes “Sie dürfen duschen, aber der Gips darf auf keinen Fall nass werden!” folge zu leisten. Die einzige Alternative, den Unterarm jedes Mal vorher in Folie einzuschweißen, habe ich aus umweltschützerischen Gründen ablehnen müssen. Ich sehne mich jetzt bereits nach dem Tag, an dem ich nicht mehr von Ohrwürmern wie “Night Fever” oder “Stayin’ Alive” gepeinigt werde.

Eine weitere Episode aus dem radiusfraktierten Leben, liebe Leserinnen und Leser, könnte die Überschrift tragen: Meine Spaziergänge mit Napoleon. Scheinbar bekommt man nur bei Brüchen, die weiter oben am Unterarm liegen, ein Dreieckstuch oder anders geartete Tragehilfen zur Verfügung gestellt. Vielleicht ist die Tatsache, dass ich meinen Arm nicht stolz, dem Schmerz zu trotzen, in einer Schlinge vor mir hertragen darf, aber auch den Einsparungen im Gesundheitswesen geschuldet. Ich muss zugeben: ich weiß es nicht, habe es aber auch anfangs nicht hinterfragt, warum ausgerechnet ich nicht mit solch einem medizintechnischen Accessoire ausgerüstet das Krankenhaus verlassen durfte, da ich es zugegebenermaßen auch nie besonders schick fand, wenn Leute damit die Insignien menschlicher Verletzbarkeit unter gespielter Würde vor sich hertragen mussten. – Da, anders als bei Stürzen aus poetischer Fallhöhe, meine Eitelkeit bei diesem Sportunfall jedoch nicht verletzt worden war, sondern im vollem Umfang weiterhin funktionstüchtig, war ich folglich anfangs eher froh, nicht mit solch einem zweckentfremdeten schwarzen Piratentuch am Arm herumlaufen zu müssen.

Eitelkeit hat ihren Preis, wie wir wissen und so stellte ich schon nach kurzer Zeit beim ersten Spaziergang fest, wie schwer Gips sein kann, liebe Leserinnen und Leser. Die nette Schwester hatte mir noch beim Verlassen der Klinik zugerufen, ich möge die Hand immer schön hochhalten, am besten höher als das Herz und den Arm ergo nicht hängen lassen. Nach ca. 400 m Fußmarsch mit angewinkeltem Arm können ca. 350 Gramm Lebendgewicht eines Unterarms inklusive gefühlter 2,5 Kilogramm Gips selbst für einen trainierten Sportlerarm jedoch verdammt schwer werden. Um dennoch das Ziel meines Weges zu erreichen und auch noch die fehlenden 850 m meines Spaziergangs zu überbrücken, verschaffte ich mir Abhilfe, indem ich mangels oben beschriebener Aufhängungsalternativen, von denen ich froh war, sie nicht benutzen zu müssen, den Daumen meiner eingegipsten Hand ins gegenüberliegende Knopfloch meiner Jeansjacke hängte, um den bisher tragenden Oberarmmuskel ein wenig zu entlasten. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass für das ungeschulte Auge unter der Jeansjacke mein Gips nicht sichtbar war, weshalb meine Körperhaltung, gepaart mit meinem Gesichtsausdruck voller Stolz - der Stolz derer, die trotz Verletzung und unter Schmerzen ganz ostermäßig (die tief Religiösen unter uns mögen mir, ich stamme aus dem nach wie vor heidnische Walpurgisriten zelebrierenden Harz, dieses Bild verzeihen) einen Weg zu Ende gehen – bei den Dorfbewohnern offenbar Assoziationen hervorrief, die ich 200 Jahre nach Jena-Auerstedt so nicht mehr für möglich gehalten hätte. Obwohl ich bis dato in meinem Leben keinerlei expansionistische Ziele gehegt hatte, gelte ich seit diesem Spaziergang im Dorf als größenwahnsinnig. Dabei hatte ich nicht mal einen Hut auf.

Eine Radiusfraktur, hoch verehrtes Publikum, sorgt aber nicht nur für völlig neue Fremdwahrnehmungen, sie entbehrt auch nicht eines gewissen Erkenntnisgewinns. Während ich bisher Jogginganzüge entweder primär im Bereich der sportlichen Freizeitaktivität vermutete oder aber Menschen, die solcherlei Kleidung auch außerhalb sportlicher Aktivitäten zu tragen geneigt waren, einer gewissen Kaste zuordnete, weiß ich heute: all diese Menschen haben nicht etwa keinen Geschmack, nur weil wir sie samstags im Mueßer Netto-Markt im Jogginganzug treffen. Mitnichten! Sie tragen diese Jogginganzüge auch nicht, weil ihnen die Phantasie fehlte zu überlegen, was man sonst tragen könnte. Nein! Sie tragen sie auch nicht, weil sie nach dem Sport, den sie vermuteter Weise am Heimtrainer ausüben, einfach nur vergessen haben sich umzuziehen. Nein! Sie tragen ihre Sportkleidung, liebe Leserinnen und Leser, das weiß ich jetzt, weil Jogginganzüge im Zeitalter immer enger werdender Hüftjeans volumentechnisch die einzige Möglichkeit sind, eingegipste Körperteile einzukleiden. Und sie tragen sie, weil sie unter ihrer Joggingjacke ganz bestimmt eine eingegipste Hand haben. Dann ist man nämlich gezwungen, Jogginghosen zu tragen, da man mit Gipsarm schlicht und ergreifend keine Jeanshosen mehr tragen kann. Warum? - Weil man – achten Sie nur einmal darauf – beim Schließen des Jeansknopfes eine leichte Drehbewegung mit dem Handgelenk vollführt, die so unter Einschränkung der Bewegungsfreiheit und mit nur einer Hand nicht mehr möglich ist. Ha! Ich habe das Geheimnis der joggingbehosten Einkäufer gelüftet! Jawohl!

Ich könnte jetzt noch berichten, wie sehr sich bei einer Radiusfraktur auch der Speiseplan einschränkt. – Einerseits, weil natürlich die Nahrungsmittelsuche an sich (in ihrem Radius) eingeschränkt ist, andererseits, weil das Vorbereiten der entsprechenden Hardware für den Garprozess, d.h. das Schnitzen des Gemüses, das Schälen von Kartoffeln, nur bedingt möglich sind. Auch könnte ich Geschichten erzählen, warum man plötzlich die Sauce nicht mehr aus der Pfanne bekommt, warum die Haare zu Dreadlocks werden, wie man am Geschicktesten den nicht eingegipsten Arm eincremt oder wie man seiner hilfsbereiten Mutter beibringt, dass das mittägliche Schnitzel nicht in ganz so winzig kleine Stückchen geschnitten werden muss, wie bei ihrem ebenfalls des Öfteren bei den Großeltern speisenden siebenjährigen Enkel. Diese Episoden, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich Ihnen jedoch ein andres Mal kredenzen, denn auch das Tippen am Rechner birgt mit nur einer uneingeschränkt beweglichen Hand gewisse Tücken. Also: bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: “Wo gips’n so was?!”

 
 
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    4 Kommentare zu “Duschen wie John Travolta – Weil Basti meinte: „Schreib das alles mal auf!“”

  1. Oil September 9th, 2007 at 10:14 | #

    Dann sei doch froh, dass du keinen langen Armgips bis zum Obererm hast.
    Dann würdest du wohl ein Pflegefall sein, der gar nix mehr alleine kann.
    Man kann sich auch anstellen

  2. sehlleier Mai 17th, 2006 at 22:28 | #

    aus vollem herzen, mit radiuasfraktur rechts, sage ich, den nagel auf den kopf getroffen. lerne selbst gerade alles mit links machen, merke, das das meinem hirn guttut, nicht aber meinem bedürfnis nach sportlicher bewegung,.
    lerne dabei richtig Demut, als vielradler zb. öpnv nutzen, zufuß laufen, einhändige ernährung
    für vollwertköstler etc, das ist abenteuer.
    lerne gerade hilfe annehmen, bin dazu überwältigt, wie gut einem andere beistehen( ernsthaft)

  3. Matze April 25th, 2006 at 15:41 | #

    Hallo na?dine,

    durch meine ein oder andere Knochenfraktur kann ich die Verrenkungen unter dem Wasseraperillo sehr gut nachvollziehen. Auch die Reaktionen auf das nun angekratzte Erscheinungsbild sind mir nicht fremd. Aber, und dass wird Dir nach ein paar Tagen auffallen, man(n) bzw. frau gewöhnt sich an alles. Du wirst erstaunt sein, was Du nachher alles mit dem verbleibenden heilen Arm machen kannst. Da es bei mir der rechte Arm bzw. Handwurzelknochen war, der den Aufprall nicht stand gehalten hat, konnte ich mit links Sachen machen, wovon andere nur träumen ;-) Gute Besserung !!!

    Matze

  4. basti April 22nd, 2006 at 17:18 | #

    Das ist eine sehr unterhaltsame Geschichte, die es meiner Meinung nach schaft, bei jedem Leser zum mindest ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern.

    Danke das du sie aufgeschrieben hast!

Dieser Eintrag wurde geschrieben am Dienstag, April 18th, 2006 um 10:23. Sie können der Diskussion folgen mit dem RSS 2.0 Feed. Wenn Sie sich fragen, woher die Icons neben manchen Kommentaren stammen, besuchen Sie gravatar.com und erstellen Sie Ihren eigenen Gravatar.
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